Workcamp in Kuterevo (Kroatien) 03. bis 19. August 2012

Was bewegt Menschen dazu, 6 Stunden am Tag in brütender Hitze zu schuften und außer ihrem Urlaub auch noch die Kosten für Fahrt, Unterkunft und Verpflegung zu investieren?

Heiner vom JRK Linsenhofen fasst es zusammen „Wann hat man schon mal die Gelegenheit, nur durch eine Zeltwand getrennt mit wilden Bären zu wohnen?“ Vielleicht hält mich mancher Kollege für verrückt, aber lieber schweiße ich kaputte Schubkarren, als 14 Tage am Strand in der Sonne zu braten“.

Mit Bär auf du und du

Bereits seit 2006 unterstützt das Jugendrotkreuz die Auffangstation im Velebit-Gebirge. Aufgrund der lange gewachsenen Zusammenarbeit nahm uns Ivan, der Leiter des Tierschutzprojekts, gleich am ersten Tag mit auf Spurensuche. Denn nicht nur 8 Bärenwaisen in ihren Gehegen bevölkern die 600 Seelen Gemeinde, auch ca. 25 wildlebende Bären leben rund um das Dorf. Eine Anwohnerin hatte berichtet, dass ihre Karotten in der vergangenen Nacht stibiezt wurden. Aufgewühlte Ameisenburgen, abgebrochene Äste und verräterischer Kot ließen keinen Zweifel offen. Das Lagerfeuer brannte von nun an jede Nacht bei unserer kleinen Zeltburg, da das beste Sinnesorgan des Bären die Nase ist.

Unterkunft

Die größten Raubtiere Europas ernähren sich hauptsächlich vegetarisch, deshalb stellten wir keine Beute dar. Allerdings befand sich unser Lagerplatz im beliebtem Weidegebiet von Zwetschgenbäumen, welche die Bevölkerung übrigens extra angepflanzt hat, um den Bären eine Alternative zu ihrem mühevoll gehegten Gemüse zu bieten. Das klappt zwar nicht immer, aber in Kuterevo arrangiert man sich seit Generationen mit den Pelztieren und nimmt den Verlust mit Humor, wenn nicht sogar mit Stolz.

Einbindung

Für Sabine vom JRK Tischardt-Frickenhausen stand vor allem der herzliche Kontakt zur Bevölkerung im Vordergrund: „Als normaler Tourist hätte ich solche Begegnungen sicher nicht gehabt. Wir haben der Schuhmacherin Dragica alte Traktorschläuche von Rainer Hitzer für Sohlen gebracht. Ohne Schnaps, Kaffee und selbstgebackenem Kuchen durften wir aber ihr kleines Häuschen nicht verlassen. Dabei saßen wir auf ihrem Bett, das direkt neben dem Herd stand. Mehr Platz gibt es einfach nicht. Dann der Stühlchenmacher Milan, der uns stolz seine Werkstatt vorführte. Die einzigen Werkzeuge sind eine Handsäge, ein Zieheisen und ein Hammer. Nicht zu vergessen Ruza, die uns beigebracht hat, die traditionelle Maznica zu backen. Ach ja, unser Nachbar Micu, der Jäger ist, hat uns einen Berg Wildfleisch mitsamt Kartoffeln vors Zelt gestellt. Als Dankeschön haben wir Gulasch für die ganze Verwandschaft gekocht, mit Spätzle und Knödeln, die man dort nicht kennt.“

Gelassenheit

Unsere stellvertretende Kreisjugendleiterin Kathi nahm bereits zum zweiten Mal am Workcamp des Jugendrotkreuzes teil. „Man lebt dort in einer anderen Zeit. Zwar nimmt man sich für den nächsten Tag die ein oder andere Arbeit vor, aber letztendlich kommt es dann doch anders. Ob es ein dringend zu reparierender Zaun ist, oder eine Volontärin zum Meldeamt oder ins Krankenhaus gefahren muss. Am Anfang ist es für mich immer relativ schwierig, aus dem durchorganisierten Bankalltag rauszukommen und mich auf das Unvorhergesehene einzulassen. Ich versuche dann daheim die Gelassenheit möglichst lange für mich zu bewahren.“

Gelassenheit war auch für mich ein notwendiges Handwerkszeug. Zu unserer Truppe mit der hörbehinderten Susanne, die aufgrund ihrer schweren Grippe die meisten Nächte nur sitzend verbringen konnte, vertraute uns Ivan noch besonders betreuungsintensive Volontäre an. Unsere Aufgaben waren also zum einen pädagogischer Natur.

Außerdem haben das komplette Werkzeug für ca. 100 Menschen sortiert und repariert. Oft kommen ehrenamtliche Helfer, die zwar engagiert und ihren vollen Körpereinsatz mitbringen, aber keine handwerklichen Kenntnisse haben.

Dazu hatten wir uns die Versorgung der „Hauptaktionäre“ ausgesucht. 7 Kilogramm Obst, Nüsse, Gemüse, Brot sowie Fleisch benötigt ein Braunbär am Tag. Man kann sich leicht ausrechnen, was bei den 8 Tatzentieren täglich zu beschaffen war. Die Supermarktmitarbeiter kannten uns innerhalb 2 Tagen und retteten für uns nicht mehr zur verkaufenden Mais, Zucchini, Möhren und anderes Gemüse vor dem Müll. Bananen, Tomaten und z.B. Paprika fressen Bären nicht, aber wie sollten wir das mit unseren geringen Kroatisch-Kenntnissen plausibel machen? Egal – Abnehmer fanden sich immer. Ob es Volontäre oder die Hühner waren, auf dem Kompost ist never ever etwas gelandet.

Gastfreundschaft

Gereicht hat es nie, deshalb haben wir bei den Dorfbewohnern nachgefragt. Aufgrund der lang anhaltenden Trockenheit sammelten wir zeitaufwändig schrumpelige Zwetschgen und Mirabellen zusammen, jedoch nicht ohne einen Rakja mit dem Schubkarren weiter zu ziehen.

Wie geht das denn? Man bittet um was, und bekommt noch einen Schnaps, Kaffee und Kekse dazu? Das ist halt kroatische Gastfreundschaft, von der wir uns was abschauen sollten.

Essen für alle

Eigentlich waren wir nur 6 Teilnehmer, gekocht haben wir aber immer für die doppelte Menge an Personen, wenn wir nicht Flammkuchen am JRK erbauten Lehmbackofen für 40 bis 50 Personen gemacht haben. Es wurde immer alles ratzeputz aufge“fressen“ und auch noch die liebgewonnenen Alten im Dorf mit schwäbischem „Essen auf Rädern“ versorgt. Eine Retourkutsche war das keine, denn wir bekamen im Vorfeld schon Gemüse, Schnaps und Fleisch ohne jegliches Zutun.

Hintergrund

Die Kooperation begann 2006. Margit Auer, damals Referentin des Landesjugendrings Ba-Wü, führte mit uns ein Seminar zu Öffentlichkeitsarbeit durch. By the way kam raus, dass sie auch ehrenamtlich für das Bärenwaisenprojekt in Kroatien tätig ist. Super Idee für das erste Workcamp des JRKs, denn wir haben schon immer Freizeiten der etwas anderen Art angeboten. Das JRK Nürtingen-Kirchheim war einer der ersten Gruppen, die in dem kleinen Bergdorf des Velebit ein Workcamp durchführte.

So sieht’s aus

Manche Bärenkinder sind mittlerweile erwachsen, können aber nicht mehr frei gelassen werden. Sie sind ja nicht blöd und würden immer wieder zu Menschen gehen, da sie von ihnen Futter erwarten. In Kuterevo versucht man trotz Gefangenschaft, ihnen ein möglichst artgerechtes Leben in großen Gehegen mit Versteckmöglichkeiten zu ermöglichen. Über die Bärenwaisen als Botschafter haben sich Gespräche mit den Dorfbewohnern, Besuchern und Volontären ergeben, die das eigentliche Ziel der Auffangstation sind: Den Erhalt der weitflächigen Wälder als Lebensraum für die wilden Braunbären.

Sightseeing

Arbeitsvorgaben sind das eine, in den 14 Tagen im Sommer 2012 haben wir nicht nur gewerkelt, sondern auch Kroatien auf individuelle Weise kennengelernt durch Ausflüge auf den Krämermarkt der Kreisstadt Otocac, an die Plitvicer Seen, in das streng bewachte Bosnien, an die Gacka-Quellen, an die Badeküste Istrien, den Wallfahrtsort Krasno und den Velebit-Nationalpark.

Weitere Infos

zum Bärenwaisenhaus und dem Workcamp des Jugendrotkreuzes sind im Internet unter www.baerenfreunde-kuterevo.de und www.jrk-online.de zu finden.

Ines Baur

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