Bärenauffangstation Kroatien - JRK Workcamp

Schubkarrenrad. Foto: Ines Baur
Schubkarrenrad.

Warum in die Ferne schweifen, wenn das Gute liegt so nah?

Beim ersten richtigen Feierabendbier vor dem Supermarkt in Kuterevo stellten sich die Neidlinger Buaba diese Frage. Die bunt zusammen gemischte Gruppe des JRK Workcamps 2015 fand einige Parallelen zwischen dem Neidlinger und kuterevanischen Dorfleben.

Ideen, ein Workcamp in Neidlingen stattfinden zu lassen, zerschlugen sich allerdings sehr schnell. Denn wenn es tatsächlich auch im 950 Kilometer entfernten Kuterevo Menschen und Charaktere gibt, die perfekt in das heimatliche Dorfleben passen und die umgebende Landschaft mit den weiten Wäldern, zerklüfteten Tälern und abgeschiedenen Winkeln an zu Hause erinnern Kuterevo bleibt doch einzigartig auf der Welt. Denn dafür sorgen die vielen neuen Eindrücke, die 14 Tage im Miteinander auf Du und Du, mit Mensch und Tier.

So begann der Ausflug in eine andere, eigene Welt erstmal mit einer großen Fahrt in voll beladenen Kleinbussen. Da gibt es schon so manche Dinge, die zur Völkerverständigung beitragen. Woll- und Stoffreste oder Gegenstände einer Haushaltsauflösung. All das bescherte uns unvergessliche Momente. In Kuterevo findet irgendwie alles seinen Platz.

Dragicas inzwischen weltbekannte Coklijes Produktion wartete auf die Traktorschläuche und Wollreste sowie einige alte Wolldecken, um daraus alltagstaugliche Schuhe zu stricken. Kreativ, frei gestaltbar, bei 40°C maschinenwaschbar und durch die unprofilierte Sohle vorteilhaft bei der Kartoffelernte im sehr klebrigen Lehmboden.

Ru?as Sternstunde im Sommer 2015 schlug, als die originalverpackte Bosch Küchenmaschine in ihre Backstube einzog, mit ihr auch gleich noch einige Backbleche und Handtücher aus der Haushaltsauflösung der Hitzer Tante. Denn am selben Tag erlag ihr alter Mixer einem Motorschaden, und das ausgerechnet, als sie voll in den Vorbereitungen eines Mittagessens für die Gruppe der Internationalen Begegnung im Bärenrefugium Kuterevo stand.

Das Bärenrefugium

Ein kleiner Ort im Velebit Gebirge, in dem neben der üblichen Dorfbevölkerung auch 10 Braunbären leben. Nicht wie ihre an die 1.000 Artgenossen im restlichen Kroatien wild und frei, sondern in einem Gehege. By the way: Rund ums Dorf haben sich 7 Bärinnen mit ihren Jungen angesiedelt. Die Zehn haben ein gemeinsames Schicksal, das sie doch zu etwas Besonderem macht. Alle sind durch den Verlust ihrer Mutter oder als Model im Zirkus bzw. Zoo aus ihrem Wildleben gerissen worden und können so in der freien Natur nicht mehr überleben.

Sie sind sozusagen Botschafter, denn sie locken jedes Jahr Tausende Besucher und mehrere Hundert freiwillig arbeitende Jugendliche in ein kleines Dorf, das für den Unterhalt der Bären sorgt. Indem man sie in nächster Nähe betrachten kann, soll eine Diskussion über das Nebeneinander von Bär und Mensch angeregt werden.

Der Gesamtkoordinator des Refugiums, Ivan Crnkovic-Pavenka, schaffte ein Konzept, das den Bärenwaisenkindern ein sicheres Überleben beschert und einen interessanten Treffpunkt für Menschen aus der ganzen Welt bildet. Hier kann sich neben der täglichen Arbeit kennengelernt, ausgetauscht und Freundschaften geschlossen werden.

Seit 2004 wächst die Zahl der Freiwilligen, die bis zu einem Jahr im Refugium leben, arbeiten, bei den Dorfbewohnern den kuterevanischen Lebensalltag kennenlernen und nebenbei noch den Braunbär beobachten und die kroatische Sprache lernen.

Die vielen persönlichkeitsbildenden, zwischenmenschlichen Erfahrungen und handwerklichen Techniken seien dabei nicht zu vergessen.

Wir 14 vom JRK Workcamp kümmerten uns um ein Großprojekt. Die Trockenmauer aus großen Felsen entlang der Straße unweit unseres Camps wurde wegen den Bauarbeiten zum fünften Bärengehege verlegt. Sie in neuem, schönen Glanz erscheinen zu lassen, war die Aufgabe für unseren Urlaub. Doch aufgrund der Zeitumstellung auf die kuterevanische Zeitrechnung kam es zu Verzögerungen in der Baubesprechung, die von uns jedoch mit dem Einrichten unserer Luxusfeuerstelle mit Balkon und Lounge Bereich, einem Ausflug an die Gacka und ans Meer überbrückt wurden.

Die Ruhe vor dem Sturm sorgte quasi für kleine Projekte, die sehr schnell zeigten: Hier sind echte Profis mit Herzblut am Werk. So konnten eines Tages noch kurz vor dem planmäßigen Feierabendbier am Supermarkt mit Meterstab-Entkron-Zeremonie ein halbes Dutzend knorrige, vertrocknete Zwetschgenbäume zu Brennholz zerteilt werden. Auch die Umgestaltung des ersten Kreisverkehrs in Kuterevo stellte unsere Gruppe vor keine große Herausforderung. Ganz im Gegenteil, während den laufenden Baubesprechungen sprudelten immer neue Ideen und am Ende beinhaltete das Gesamtkonzept des Kuterevo-Kreisels eine Ruhebank, einen Steingarten im modernen Stil aus kroatischem Kalkstein, und ein Blumenbeet, das jahreszeitlich bepflanzt werden kann.

Wir haben Überraschungszwiebeln vergraben, denn im Frühjahr wird die Nachbarn ein Kreuz aus roten Tulpen an uns erinnern.

Nebenbei galt es, die hungrigen Bären mit selbst hergestellten Obsteisbomben zu verwöhnen und natürlich auch die hungrigen Mägen der 14 zweibeinigen Bärenbotschaftern. Jeder, der sich im Refugium engagiert, wird mit einem kräftigen Schlag auf die Schulter von Ivan zum Bärenbotschafter ernannt und darf als Erkennungszeichen einen kleinen Holzbären auf der geschwellten Brust tragen. Gemeinsam wird die Idee des Refugiums in alle Welt getragen.

Unsere JRKler hatten echt Power. Es gab viel zu bewegen, wuchten war angesagt. Schubkarrenräder ächzten unter der Last von Erde und Steinen, Schweiß floss in Strömen über staubige Körper und der Geruch von Erde benebelte die Baustelle. Die zahlreichen Andutzer der Schaufeln und Hacken im felsigen Untergrund schafften eine Geräuschkulisse, die die Anwohner aufmerksam machten: Was geht hier vor? Steine stapeln und Tetris spielen, wie passt der Fels ins richtige Loch?

Das war oft der Grund für eine kleine Baubesprechung zwischendurch. So strahlte nach zwei harten Tagen eine ca. 40 Meter neue Trockenmauer in der kroatischen Sonne. Wenn da nicht der felsige Untergrund eine neue Herausforderung geschaffen hätte, wäre das Projekt viel zu schnell abgeschlossen gewesen. Die Straßenverbreiterung brachte jedoch ein paar Felsblöcke ans Tageslicht, die einfach zu hoch fürs Niveau waren. Sprengkommando Süd rückte diesen mit Hilti und Meisel an den Kragen und zermürbte in vielen Stunden den harten Stein in angenehme Krümel.

Kulinarische Köstlichkeiten warteten immer bei Ru?a. Der Masnica Workshop war schnell belegt und die Frage, wo unser Abschlussessen stattfindet, auch. Denn Ru?a, noch immer überglücklich über ihre neue Küchenhilfe, wollte sich revanchieren. Auch für die nette Einladung zu schwäbischen Spätzla mit Gulasch, zu der wir sie und den alten Freund Šilco mit Familie in unser Camp zum Deutschen Abend mit Livemusik von Robin und Christi geladen hatten.

Und dann ging am Ende alles ganz schnell. Die anfänglich endlose Zeit in Kuterevo versiegte auf einmal wie die Gacka im Velebit Gebirge oder die Unmenge an Tränen, die uns der Himmel zum Abschied bescherte.

Das Zusammenpacken im Wolkenbruch war echt nicht der Bringer. Ru?a legte nochmal richtig los und zauberte ein kroatisches Menü, das sich gewaschen hat. Hühnchen, Bratkartoffeln, Kraut- und Tomatensalat und eine Art gebratener Maultaschenteig besiegelte den letzten Abend unter kuterevanischen Tränenwolken.

Ich bin mir sicher, dass sich die Švabcis (Schwaben) ordentlich benommen und gut geschafft haben, so dass sie in ein oder zwei Jahren wiederkommen dürfen.

Mehr im Blog unter http://www.baerenfreunde-kuterevo.de/

Heiner Wohlfahrt

nach oben

Hier geht es zu den Bildern des Workcamps. Mehr...

Seite druckenSeite empfehlennach oben