Schiffle auf dem blauen Meer…

Segel setzen. Foto: Heiner Wohlfahrt & Steffen Schmid
Segel setzen.

Eine Gruppe begeisterter JRKler auf Reisen. Man kennt das Bild: Voll bepackte Kleinbusse mit angehängtem Schnelllauftransporter, wahlweise mit oder ohne Kühlaggregat. Verliebte Paare, lustige Gesellen oder schlafende Vagabunden mit Freizeitjetlag, die in den Reihen hängen und versuchen, ihr Müdigkeitszeitkonto ins unermesslich Positive aufzubauen. Stunden abfeiern kommt schließlich von alleine.

Das JRK Neidlingen, mit Unterstützung, ließ im August einen Klassiker aufleben. Der Traum vom endlosen Horizont, spritzender Gischt im Gesicht, jammerndem Wind, romantischen Momenten in der untergehenden Sonne und kleinen Kojen. Für die 26 Landratten aus den Tiefen der kontinentalen Platte Europas ging es an das weite Wasser der Nordsee.

In der Hafenstadt Harlingen tauschte man die Kleintransporter mit dem süßen Namen „Ford Transit“ gegen einen stattlichen Fortbewegungsgegenstand ein: Die „Noordvaader“. Ein ebenso mächtiger Name wie die Daten: 150 Tonnen schwer, 31 Meter lang, 5,80 Meter breit, 2 Meter hohe Masten mit 300 m² Segelfläche. Für die absoluten Langweiler blubberte auch ein 180 Pferdchen starker Diesel vor sich hin. Brauchten wir 3 Kleinbusse, schluckte ihr Bauch alle 26 auf einmal. Und das ohne Anschnallpflicht, denn wenn sie es mal laufen ließ, hielt man sich von alleine fest.

Da wir Landratten absolut keine Ahnung hatten was ein Besansegel und Backstag ist, oder wo Backbord und Achtern liegt, und eigentlich Jeder oder Jede froh war, eine Leine als herabhängendes Seil zu erkennen, gab es da noch den Matrosen an Bord. Marco hatte sich als Quereinsteiger zum Seemann entdeckt und daraus eine Lebensaufgabe gemacht. Die Berufung zum Beruf umgewandelt und seine Familie auf See gefunden. Und dann gab’s auf so dem Schiff noch einen, der das Ruder in der Hand hielt: Skipper Michael.

Die beiden wohnten auch auf der Noordvaader. Marco vorne im Bug und Michael achtern im Heck.

Die ersten Eindrücke versprachen viel. Vor allem sportliche Klettermanöver, um die oberste Etage des Schlafgemaches zu erreichen und Taktik, um die volle Körperlänge auszufahren. Diagonal war länger als parallel zur Wand.

Andere Länder andere Sitten. Der Begriff und Gebrauch eines Schaumschiebers stellte Fragezeichen in so manches Gesicht. Die Erklärung, dass die Niederländer mit einem speziellen Werkzeug den Schaum vom Bierglas runter schieben, wurde für nicht glaubenswert gewertet. Bis zum ersten Barbesuch. Und es war tatsächlich kein Schaum auf dem Bier.

Und dann war der große Moment des Ablegens endlich gekommen. Leinen los, der Diesel tuckerte mit uns aus dem Hafen von Harlingen. Vorbei an vielen anderen Schiffen, mit denen früher die ganzen Waren und Güter auf zahlreichen Kanälen vom Meer ins Landesinnere transportiert wurden. Die eine oder andere Geschichte von früher kann auch die Noordvaader erzählen. Über 100 Jahre hat ihr Rumpf schon auf dem nicht mehr vorhandenen Kiel. Denn die niederländischen Flachboote haben statt einem Kiel zur Stabilisierung zwei seitliche Schwerter, die an Schwimmflossen erinnern. Das alles, um den Tiefgang zu reduzieren und so im flachen Wasser nicht so schnell auf Grund zu laufen.

Skipper Michael hatte den Kurs Richtung Ijsselmeer gelegt. Anfangs nur mit Diesel. An diesem Tag war es egal ob von oben nass oder von unten.

Es folgte dann die Passage durch die Drehbrücke im Damm zum Ijsselmeer. In den Niederlanden haben Schiffe Vorfahrt. Da stört es auch nicht, dass die Autobahn gesperrt und die Straße um 90° gedreht wird, damit die Schiffe passieren können. Eine Schleuse wartete auch auf die Noordvaader, um den Gezeitenunterschied zwischen Ijsselmeer und Nordsee auszugleichen.

Watt-Musizierung. Foto: Heiner Wohlfahrt & Steffen Schmid
Watt-Musizierung.

Und dann endlich, das erste Mal Segel setzen! Start frei für das große Hauptsegel. Mittels einer Getriebewinde und viel umdrehender Muskelkraft setzte sich das mächtige Gewebe bis zur Spitze des Mastens empor. Am selben Masten war dann noch eine Leine von der Spitze bis zum Bug befestigt, an der das Fogsegel in den Himmel gezogen wurde. Am zweiten Mast achtern stieg das Besansegel hoch. Mit diesen drei Segeln und der Hilfe des Winds schaffte die Noordvaader mehr als 6 Knoten. 1 Knoten ist mit 1,8 km/h vergleichbar.

Marco hatte an diesem Tag viel zu tun, denn alle Begriffe seiner Seemannssprache prallten erst mal ab und wurden mit vielen Fragezeichen zurückgeworfen. Der reduzierte Seemannssprachgebrauch ließ uns „Landratten“ verstehen, was denn Sache ist.

Der erste Liegeplatz auf unserer Reise war Makkum. Die Sonne schaute inzwischen mit einem strahlenden Lächeln auf unsere durchnässten Klamotten, die im Wind lufttrockneten. Ein schöner, erlebnisreicher Tag im Wasser endete mit einem kleinen Bummel im Sanitärhaus und in den kleinen Gassen des Örtchens.

Der wechselnde Küchendienst organisierte täglich frische Weckla, deckte den Tisch und machte sich an die Zubereitung eines einfachen, aber leckeren Essens.

Es war selbst für unsere beiden Betreuer eine starke Faszination, dass ein Schiff die Segel setzt und beinahe genau in die Richtung fahren kann, aus der der Wind bläst. Physikalisch bedingte Unter- und Überdrucke, ausgelöst durch die Segelform, machen den Effekt möglich. Das alles können Skipper und Matrose beeinflussen. Je nach Einstellung der Segel kann man mehr oder weniger Knoten machen. Das ist die Kunst des Segelns. Und es war immer wieder bewundernswert, mit welcher Hingabe und Herzblut die beiden ihre Leidenschaft ausübten und uns über die Tricks und Kniffe der Seefahrt aufklärten.

Der zweite Tag auf See. Absolute Flaute, die Segel brachen manchmal in sich zusammen, weil keine Luftströmung in sie hinein wehte. Um ans Ziel zu kommen, blubberte der Diesel. Und das Ziel hatte es in sich. Da die Noordvaader ein Flachboot ist, kann sie einfach auf Grund laufen und im Trockenen gerade stehen. Und welch Glück, dass die Nordsee einen eingebauten Hebemechanismus hat. Die durch den Mond ausgelösten Gezeiten haben so viel Kraft, dass sie das Wasser vom Land wegziehen und wieder loslassen. Der Noordvaader reichte das, um sich eine günstige, flache Stelle zu suchen, an der sie bei Hochwasser hin und wieder weg kam. Aber bei Niedrigwasser komplett im Trockenen stand. Ein Bild, das begeistert. Und zu einer Wanderung ins Watt einlud.

Ein Lebensraum voller Kleingetier. Muscheln, Krabben, Seesterne in allen Variationen, kunstvollen Sandburgen und festsitzenden Beinen im feinen Sand.

Wenige Stunden später war alles wieder im Wasser, wie wenn nichts gewesen wäre. Außer all dem, was wir erlebt hatten. Burger grillen in mitten von Land und doch im Meer. Dazu ein schöner Sonnenuntergang mit dem Leuchtturm der Insel Vlieland im Hintergrund. Romantik auf dem „Love Boat“ lässt grüßen.

Der nächste Morgen brachte wieder das übliche Schwanken und Plätschern mit sich. Frühstück zur Stärkung und Segel setzen. Kurs West nach Terschelling. Der Wind versprach mehr Fahrt und so langsam verstanden die Landratten: Die Segel setzten sich beinahe schon von selbst. Für das vordere Klüversegel gab es die Spezialeinheit „Klüvercrew“. Auch die Küche kochte ohne größere Abmängel bei ziemlicher  Schräglage

Marco führte an die Kunst der Halse heran. Der Moment, wenn die Segel von einer Seite auf die andere geschwenkt werden. Von Steuerbord auf Backbord oder andersrum. Das Manöver muss sein, wenn gegen den Wind gesegelt wird und ein bestimmtes Ziel angefahren wird. Da beim Segeln gegen den Wind immer nie genau auf Kurs gesegelt werden kann, muss in Schlangenlinien das Ziel erreicht werden. Und diese Schlangenlinien erfordern ein Umsetzen der Segel mit sich. Da waren dann mal alle für kurze Zeit richtig heftig beim Arbeiten, bevor die Relax Stellung wieder eingenommen werden konnte..

Segelschiff. Foto: Heiner Wohlfahrt & Steffen Schmid
Segelschiff.

Der Leuchtturm von West Terschelling markiert die Nähe zum nächsten Hafen. Und wie es sich für den König des Wattenmeers gehört, fährt man hier mit gesetzten Segeln ein. Landratten wie wir erfuhren dann erst später, dass solche Manöver eigentlich verboten sind. Doch als König des Wattenmeers und blutjungen Anfängern an Bord kann man sehr gut mit Segeln einfahren, das Schiff 180° drehen, Segel einholen und anlegen.

Immer wieder war es beeindruckend, mit welchem Feingefühl sich die 150 Tonnen, verteilt auf 31 Meter in den Händen von Skipper Michael bewegten. Und noch viel beeindruckender, dass er sein Auto gar nicht gerne einparkt. Da ist alles so eng und klein.

Wie im Flug begann auch schon die Wochenmitte. Der Landgang und Bummel durch das Örtchen und die hohen Dünen mit Blick auf die Weiten der See hatten so gar nichts mit den Weiten der Alb daheim zu tun. Dennoch luden sie zum Träumen und Genießen ein.

Der nächste Tag öffnete unseren Horizont nicht nur mit der Fahrt nach Vlieland und einem regattaartigen Überholmanöver. Matrose Marco erzählte von seinem eingebauten Jagdinstinkt auf vermeintlich schnellere Segelschiffe, da musste einfach ein Geeignetes her halten. Vermutlich trieb uns auch der Termin des Tages im Hafen von Vlieland an. Schnellboot fahren!

Einmal zu den Robben und wieder zurück mit 500 PS im Bauch und ca. 70 km/h übers Meer fegen, den Wind um die Ohren blasen lassen und sich einfach nur freuen, es erlebt haben zu dürfen. Was kann ein Tag am Meer schöner machen?!

Der letzte Abend auf See! In gemütlicher Runde laue Temperaturen des Sommers genießen, die letzten Tage Revue passieren lassen, wie alles begann, sich die Gruppe entwickelt hat, Handgriffe von selber liefen, und es einfach nur schön war. So schön, um bald wieder zu kommen, denn nachdem der Wind uns mit ordentlich Schub in den Hafen nach Harlingen zurück brachte, war die Segelfreizeit des JRK Neidlingen mit Teilen aus Nürtingen, Wendlingen und Linsenhofen auch schon wieder vorbei.

Heiner Wohlfahrt

 
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